Digitale Prüfungen

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Das ‘digitale Semester’ ist angebrochen und hatte bereits einige Neuerungen für uns parat was digitale Lehre betrifft. So wird es vermutlich auch niemanden wundern, dass auch Prüfungen ein ‘digitales Makeover’ bekommen sollen, da nach wie vor nicht absehbar ist, ob Präsenzprüfungen stattfinden werden können oder nicht. Aus diesem Grund hat der Senat am letzten Mittwoch, den 13. Mai, eine Änderung der Allgemeinen Prüfungs- und Studienordnung (APSO) verabschiedet, die u.a.”Elektronische Fernprüfungen” für die kommenden 2 Semester ermöglicht. Damit können einige neue Prüfungsformate angewendet werden, um auch von Zuhause Klausuren schreiben zu können. In der letzten Woche hat ProLehre daraufhin eine Handreichung veröffentlicht, in der 4 der neuen Formate näher beleuchtet werden. Damit auch ihr euch eine fundierte Meinung von den verschiedenen Möglichkeiten machen könnt, haben wir hier das wichtigste zusammengeschrieben.
 
Wichtige Faktoren
 
Bei der Wahl der richtigen Prüfungsform gibt es unterschiedliche Aspekte, die betrachtet werden müssen und denen man unterschiedliche Gewichtung beimessen kann. Bei unserer Zusammenfassung der Formate haben wir versucht auf jeden dieser Punkte einzugehen, damit ihr entscheiden könnt, mit welchen Prüfungsformen ihr euch anfreunden könntet und mit welchen nicht.
Ein auf der FVV häufig angesprochenes Thema war die Vergleichbarkeit und die Möglichkeit des Unterschleifs. Eine Klausur zu Hause bietet mit Sicherheit viele Anreize betrügen zu wollen. Auch hier gibt es Wege Unterschleif zumindest zu erschweren, diese Wege beinhalten jedoch häufig das Nutzen einer Webcam, um damit das Zimmer oder den Prüfling selbst zu filmen. Das wiederum wirft neue Probleme auf. So hat beispielsweise nicht jeder Studierende eine Webcam oder eine stabile Internetverbindung, um an einer derartigen Prüfung teilnehmen zu können. Bei einer von der Fakultät für Mathematik durchgeführten Umfrage haben rund 8% der Befragten angegeben, eine nur unzureichende Internetverbindung zu haben. Auch Datenschutz ist hier ein wichtiges Stichwort, vor allem wenn Drittanbieter mit ins Spiel kommen. Zudem müssen auch Studierende, die im Ausland festsitzen und unter Umständen nicht nach München kommen können, beachtet werden. Aber natürlich müssen auch die unterschiedlichen Fachbereiche betrachtet werden, da diese teilweise sehr unterschiedliche Anforderungen haben an Kapazität und mögliche Aufgabentypen. Zuletzt ist noch einer der wichtigsten Punkte zu nennen: eure Gesundheit. Denn zu keinem Zeitpunkt dürft ihr oder auch eure Angehörigen einer mehr als nötigen Ansteckungsgefahr ausgesetzt werden.
 
Präsenzprüfungen
    
Nach jetzigem Stand (sollte sich die Situation nicht wieder verschlechtern) wären wohl Präsenzprüfungen in Hörsälen mit Abstandsregelungen möglich. Die Physikfakultät hofft beispielsweise, mit Präsenzprüfungen auskommen zu können, was bei rund 450 Studierenden möglich sein könnte. Problem hierbei ist jedoch, dass momentan sich eine Vielzahl an Studierenden im Ausland befindet und es nicht absehbar ist, ob diese zu einer Präsenzprüfung nach München kommen könnten. In der von der Informatikfachschaft durchgeführten Umfrage vor ein paar Wochen haben rund 17% der 400 Teilnehmer angegeben, dass sie sich momentan im Ausland aufhalten. Zu den anderen beiden Fakultäten haben wir momentan keine Informationen dazu, jedoch ist davon auszugehen, dass auch hier sich einige Studierende nicht in München befinden. Ein weiterer Aspekt der Präsenzprüfungen, der vor allem bei den Informatikvorlesungen ins Gewicht fallen wird, sind die neuen Kapazitäten der Hörsäle durch die Abstandsregelungen. Das Audimax hat demnach nur Platz für rund 70 Prüflinge. Bei Vorlesungen mit um die 1500 Anmeldungen ist absehbar, dass auch mit zugemieteten Räumlichkeiten die Kapazitäten für reine Präsenzveranstaltungen nicht reichen werden. Ein weiterer Faktor, der bei Präsenzveranstaltungen beachtet werden muss, ist die erhöhte Ansteckungsgefahr für die Prüflinge. Selbst, wenn die Abstandsregelungen in den Hörsälen eingehalten werden, bleibt dennoch ein Restrisiko. Außerdem wären viele Studierende gezwungen, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, um zu ihren Prüfungen zu kommen, und würden sich damit zusätzlicher Gefahr aussetzen. Ein Risiko, dass beispielsweise Studierende, die mit Risikogruppen zusammenwohnen oder selbst angehören, unter Umständen nicht bereit wären einzugehen.
 
Mündliche Fernprüfungen
    
Bei einer mündlichen Fernprüfung handelt es sich um eine mündliche Prüfung, die teilweise vor der Coronakrise durchgeführt wurden, entweder als eigene Prüfungsform oder als Ersatz, z.B. bei Auslandssemestern. Die Prüfung würde durch einen Videocall mit Prüfer, Prüfling und Beisitzer realisiert werden. Mögliche Tools wären beispielsweise Zoom oder BigBlueButton (einen genaueren Blick auf einige der momentan verwendeten Videokonferenztools findet ihr hier.)
Vorteile hierbei sind, dass es sich um ein für viele vertrautes Format handelt und man relativ flexibel auf die Prüfungssituation eingehen kann (z.B. bei ausgefallenem Internet). Datenschutz hängt vom verwendeten Tool ab, ist jedoch überschaubar, da die Prüfung nicht aufgezeichnet wird und euch somit nur Prüfer*in und Beisitzende*r sehen. Unterschleif kann durch eine anfängliche 360° Aufnahme eures Zimmers unterbunden werden. Auch das kann nur mit eurem Einverständnis passieren. Hardware wie eine Kamera und ein Mikrofon werden benötigt (Smartphonekamera und -mikro sollten ausreichen) sowie eine stabile Internetverbindung. In Einzelfällen könnte eine Präsenzalternative stattfinden (natürlich mit den passenden Hygienemaßnahmen).
Entscheidende Nachteile sind hierbei jedoch, dass der Aufwand linear mit den Studierenden steigt, da Prüfungen nur begrenzt parallel zueinander ablaufen können. Zudem könnten die Klausuren der ersten Prüflinge auf Grund eines limitierten Fragenpools und durch Absprachen unter Studierenden nicht mit den Klausuren der letzten Prüflinge vergleichbar sein. Mündliche Prüfungen eignen sich außerdem nur für bestimmte Klausuren, da die Möglichkeiten an Aufgabenformen begrenzt sind. Auch Faktoren wie Nervosität der Prüflinge darf bei mündlichen Fernprüfungen nicht übersehen werden.
 
Studentische Präsentation als Fernprüfung
    
Hierbei handelt es sich um online abgehaltene Referate, entweder als Livestream oder als hochgeladenes Video. Bei einem Livestream muss der Studierende über die nötige Hardware und eine gute Internetverbindung verfügen, bei der Videoform sollten Handykamera- und -mikrofon reichen und die Anforderungen an das Internet sind sehr viel geringer. Datenschutzprobleme halten sich in Grenzen, so könnten bei einem Livestream beispielsweise virtuelle Hintergründe erlaubt werden. Möglichkeiten des Unterschleifs sind vergleichbar mit denen von regulären Referaten. Für kleinere Seminare oder Praktika sind Präsentationen sicherlich eine Alternative, jedoch handelt es sich auch hierbei um keine Lösung für große Vorlesungen.
 
Beaufsichtigte schriftliche Prüfungen am Computer
    
Bei beaufsichtigten, schriftlichen Prüfungen am Computer werden am Computer ausfüllbare Klausuren bearbeitet, während eine Webcam den Prüfling filmt und auf etwaige Unterschleifversuche hin überprüft. Diese Überprüfung erfolgt in der Regel durch Programme von Drittanbietern (beispielsweise Proctorio), die mittels KI z.B. die Blickrichtung oder den Schreibtisch des Prüflings analysieren. Open Book Klausuren sind somit allerdings nicht möglich, da das Abwenden des Blicks als Täuschungsversuch gewertet werden kann. Wichtig zu erwähnen ist hierbei, dass nicht jeder Blick aus dem Fenster automatisch als 5.0-Unterschleif gewertet wird. Ab einer gewissen Zeit von ‘Nicht den Bildschirm ankucken’ wird ein Verdachtsmoment gemeldet, der später durch die Aufnahme bestätigt werden kann oder eben nicht. Großer Vorteil dieser Methode ist, dass auch große Vorlesungen so Prüfungen abhalten könnten und auch Studierende außerhalb von München die Möglichkeit haben, an Klausuren teilzunehmen. Nachteile sind jedoch die Hardware- und Internetanforderungen. Zudem speichert und verarbeitet Proctorio eure Daten, was ein erhebliches Datenschutzproblem darstellt. Außerdem lässt die Bearbeitung am Computer lediglich Multiple-Choice oder Freitextaufgaben zu, was für beispielsweise Mathe-Klausuren unter Umständen schwer umsetzbar sein könnte.
 
Online-Beaufsichtigte schriftliche Klausuren mit Papier und Stift
    
Die Aufgaben werden zu einem festen Zeitpunkt beispielsweise auf Moodle hochgeladen und können vom Prüfling mit Papier und Stift bearbeitet werden. Während der Bearbeitung wird der Prüfling per Videokonferenz mit einer Prüfungsaufsicht kontrolliert. Die Möglichkeiten für Unterschleif sind durch den geringen Kamerausschnitt etwas weitreichender als bei einer normalen Prüfung im Hörsaal mit Aufsicht und sollten daher als Open-Book konzipiert werden. Nach der Bearbeitungszeit wird ein Foto/Scan der Klausur an den Prüfer geschickt und das Original später per Post versand. Die Anzahl an Studierenden, die an dieser Prüfung teilnehmen können, hängt stark von der Anzahl an möglichen Prüfungsaufsichten ab, könnte jedoch auch für große Vorlesungen geeignet sein. Vorteil hierbei ist, dass nahezu alle gewohnten Aufgabentypen möglich sind, somit alle 3 Fachbereiche davon profitieren könnten. Allerdings ist auch hierbei ein Filmen des Prüflings unabdingbar, eventuell auch das Aufzeichnen, die Aufzeichnungen müssten jedoch mit Bekanntgabe der Noten gelöscht werden. Auch die Hardware- und Internetanforderungen unterscheiden sich kaum von den anderen Formaten.
 
Übungsleistungen unter dem Semester
    
Unter dem Semester erbrachte Übungsleistungen werden teilweise bereits in der Form von Praktika oder Notenboni umgesetzt und könnten dieses Semester ausgebaut werden. Hierbei werden während dem Semester einige Projekte oder Aufgaben bearbeitet, die dann (evtl. auch in Verbindung mit einer Präsentation) die Gesamtnote ausmachen. Großer Vorteil ist hierbei die Unabhängigkeit von Hardware oder Internetverbindung. Auch Studierende in anderen Zeitzonen sollte hiermit geholfen werden. Nachteil daran ist, dass das Semester bereits angefangen hat und somit ein geballter Arbeitsaufwand gegen Ende des Semesters entstehen könnte. Auch für Übungsleiter und Tutoren entsteht ein erheblicher Arbeitsaufwand bei der Korrektur. In Informatikfächern wären Programmieraufgaben mit bereits bekannter Plagiatsoftware auf Unterschleif prüfbar, jedoch gestaltet sich dieses projektbasierte Arbeiten bei Mathematik und Physik als schwierig und Betrug ist sehr schwer zu vermeiden. Auch inoffizielle Gruppenarbeiten sind nicht zu verhindern.
 
Abschließende Worte
    
Digitale Klausuren bringen so einiges an Herausforderungen mit sich. Jedoch sollten sich einige der Probleme lösen lassen. So könnte man beispielsweise versuchen Hardware zum Ausleihen anzuschaffen oder Plätze in den Rechnerhallen zur Verfügung stellen. Kurze Internetausfälle von z.B. unter 5 Minuten könnten tolleriert werden. Auch Mischformen der verschiedenen Prüfungsformen sind denkbar. Zum Glück war die TUM bis jetzt sehr kulant in der momentanen Situation. Solltet ihr also eure Prüfungen nicht schreiben wollen, wegen z.B. Datenschutzproblemen, so solltet ihr nach jetzigem Stand die Möglichkeit bekommen, eure Klausur zu einem späteren Zeitpunkt unter normaleren Bedingungen zu wiederholen, ohne dass euch dabei Nachteile hinsichtlich der Studienfortschrittskontrolle entstehen. Die eierlegende-Woll-Milch-Sau gibt es wohl leider nicht, jedoch arbeiten wir mit Nachdruck daran das für euch beste Ergebnis zu erreichen. Aus diesem Grund brauchen wir eure Unterstützung. Welche Sorgen und Bedenken habt ihr? Vielleicht sogar welche Lösungsansätze? Die Fachschaft für Informatik hat aus diesem Grund eine Umfrage aufgesetzt, wie Informatikstudierende über digitale Prüfungen denken. Auch die FS Physik und die FS Mathematik freuen sich über euer Feedback!
Bildquelle: Nick Morrison https://unsplash.com/photos/FHnnjk1Yj7Y
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